Semmel

Semmel, Border Collie, geb. 2006:

Auch so ein „Notfall“. Er stand in der Zeitung mit der Anmerkung „aus Zeitgründen abzugeben“. Da war er gerade mal ein Jahr alt. Als ich die Nummer anrief, meldete sich eine junge Frau, die mir eine abenteuerliche Geschichte erzählte. Mann weg, kleines Kind, Schulden beim Mann, sie muss wieder arbeiten gehen und hat keine Zeit mehr für den Hund. Na toll. Ich fuhr hin, um mir den Hund anzuschauen.  Was ich dort vorfand, war interessant: Eine super kleine Wohnung, in der ein Hund (und schon gar nicht ein Border Collie) eigentlich überhaupt keinen Platz hatte. Überall war er im Weg. Als ich die Wohnung betrat, knurrte es mich aus einer Ecke neben der Couch an. Ich sah einen geduckten Hund, der mich unsicher aus Schlitzaugen fixierte. Die junge Frau meinte gleich, dass er manchmal Probleme mit Fremden hätte, aber eigentlich eher mit Männern. Aha, gut zu wissen. Ich setzte mich, und wir unterhielten uns. Ganz langsam kam das schwarz-bunte Fellknäuel hinter der Couch vor und schlich sich immer näher an mich heran. Es hatte immer noch diese drohenden Schlitzaugen. Nicht nett. Ich versuchte, das Tier zu ignorieren. Es kam immer näher. Es kam schließlich so nah, dass es seine Nase unter meine Jacke steckte. Hm. Dann stupfte es meine Hand. Eine Aufforderung zum Streicheln? OK. Streicheln ging. Dann kam es mit der Nase immer höher und näher zu meinem Gesicht. Ein komisches Gefühl, wenn man kurz zuvor von diesem Etwas angeknurrt wurde. Und plötzlich, ich war völlig unvorbereitet auf so etwas, klebte diese Nase an meiner Wange! Es fühlte sich an, als ob sich eine Weinbergschnecke an meiner Wange festgesaugt hätte! Ich war völlig gebannt. Und das Etwas ging nicht wieder weg! Im Gegenteil, es grub sich noch tiefer mit dem Pfoten in meine Jacke und blieb mit der Nase in meinem Gesicht kleben! Irgendwann musste ich dann doch laut lachen, und der Bann war gebrochen. „Ach, das macht er so oft, dass es mir fast zu viel wird!“, meinte darauf die junge Frau. Dann kam ein Anruf und sie erklärte ihrem Ex-Mann, dass sie gerade dabei sei, den Hund zu verkaufen und er sein Geld dann schon bekommen würde. Armer Hund, dachte ich nur. Ich erklärte ihr, dass ich am nächsten Tag gerne nochmal mit meinen Hunden kommen würde um zu sehen, wie sie aufeinander reagieren. Die junge Frau war sehr enttäuscht, dass ich den Hund nicht gleich mitnehmen wollte – oder besser gesagt, dass ich ihr nicht gleich Geld gab. Am nächsten Tag holte ich Semmel (der damals noch einen anderen Namen hatte, der mir aber nicht gefiel) ab. Er stieg ohne Wenn und Aber sofort in mein Auto ein, drehte sich kein einziges Mal um, jammerte nicht und zeigte auch bei mir zu Hause kein einziges Mal Trauer o.ä. Er ging ins Haus, als ob er schon immer hier wohnen würde.  Relativ schnell stellte sich heraus, was wohl auch mit ein Grund war, dass er abgegeben wurde: Er reagierte teilweise aggressiv auf andere Hunde und Menschen. Und es war kein Muster zu erkennen, an was er seine Aggression festmachte. Er konnte an drei Hunden problemlos vorbei gehen, und beim vierten flippte er aus. Genau so war es bei den Menschen. Es konnte ein Jogger vorbei laufen, und er blieb ruhig. Kurz darauf kam ein „normaler“ Spaziergänger, und er schoss vor und verbellte ihn. Die Spaziergänge mit ihm waren sehr anstrengend, man musste immer auf der Hut sein. Er war ein sehr unsicherer Hund. Ich nahm ihn mit in die Hundeschule, wo ich mit ihm auch in den Kursen arbeitete und er Kontakt zu fremden Hunden und Menschen hatte. Und mit der Zeit wurde er ruhiger und entspannter. Auch beim Rettungshundetraining machte er gute Fortschritte. Durch seine Zurückhaltung bei fremden Menschen und gleichzeitig seinem großen Arbeitswillen hielt er von Anfang an immer schön Abstand bei der Anzeige. Auch er lernte schnell, um was es bei der Rettungshundearbeit geht und liebt die Suche. Seit 2011 arbeitet auch er mit mir in der Trümmergruppe des Landesverbandes Baden-Württemberg (Trümmerprüfung im November 2011 bestanden). 😮 Semmel assistiert mir in der Hundeschule und steht ganz besonders auf die Longier- und Frisbeestunden! Er begleitet mich in Schulen und in Pflegeheime, wo er bei den Bewohnern sehr gut ankommt. Sie lieben es, mit ihm Ball zu spielen oder ihm Leckerlis zu verstecken.  Semmel ist ein sehr sensibler Hund, der sich auch zu bettlägerigen Bewohnern ins Bett legt und sich kraulen lässt – immer vorausgesetzt, ich bin in der Nähe. Semmel kommt öfter am Tag bei mir vorbei, um Hallo zu sagen und mir einen Weinbergschneckenkuss auf die Wange zu geben. Und wenn er könnte (bzw. dürfte), dann würde er nachts ganz eng an mich gekuschelt Wange an Wange schlafen. ;o) Semmel ist meine „Babbschnut“ oder „Schneckennase“ und manchmal habe ich das Gefühl, er ist mein Schatten, denn er ist wann immer es möglich ist, in meiner Nähe. Der Semmelbub, er hat sich zu einem tollen Hund entwickelt!